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Cristiada in Mexiko

Die Cristiada in Mexiko (1926-1929), oder auch Cristero-Krieg genannt, war der grausame Höhepunkt eines jahrzehntelangen Konflikts zwischen dem mexikanischen Staat und der katholischen Kirche, von dem tausende Menschen betroffen waren.
Im 19. Jahrhundert kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen dem mexikanischen Staat und der katholischen Kirche. Unter der Diktatur des Präsidenten Porfirio Díaz 1877 bis 1881 und 1884 bis 1911 beruhigte sich die Lage im Land nur kurzzeitig. Eines der entscheidenden Konfliktfelder waren die Staatsschulen. Zwischen 1914 und 1917 wurden alle katholischen Schulen geschlossen und Tausende Priester und Ordensleute verließen das Land.
1917 erließ der neue Präsident Venustiano Carranza eine "reformierte" Verfassung, die die Katholiken des Landes stark unterdrückte: Sie enthielt beispielsweise das Verbot von Zölibat und Ordensgelübden oder von gottesdienstlichen Handlungen außerhalb der Gotteshäuser. Außerdem erklärte sie Kirchen und religiöse Institute für nicht eigentumsfähig und deren bisherigen Besitz deshalb zu Staatseigentum. Die Verfassung untersagte kirchliche Kritik an öffentlichen und staatlichen Angelegenheiten, verbot politisch-religiöse Parteien und verwarf das katholische Eherecht. Zusätzlich verlangte sie konfessionslosen Laienunterricht an allen Schulen. 1919 wurde Carranza durch innen- und außenpolitischen Druck gezwungen, die Gesetze außer Kraft zu setzen, doch 1923 lebte der Kulturkampf wieder auf, mit dem vor allem das Ziel verfolgt wurde, die ansonsten zersplitterte Gesellschaft durch das gemeinsame Feindbild des Klerus zu einen. Ab 1925 wurden alle Katholiken aus dem Staatsdienst entfernt, Anfang 1926 traten erneut anti-kirchliche Gesetze in Kraft. Ausländische Geistliche sowie der Apostolische Nuntius wurden aus Mexiko ausgewiesen.
Am 2. Februar 1926 verfasste Papst Pius XI. das Apostolische Schreiben "Paterna sane" an die Bischöfe Mexikos, in dem er das Leiden der mexikanischen Katholiken beklagte und gleichzeitig die Bischöfe bei aller Vorsicht zur Stärkung der Geschlossenheit von Gläubigen und Klerus aufrief. Daraufhin veröffentlichten 31 mexikanische Bischöfe am 21. April 1926 ein Hirtenschreiben, das die Unannehmbarkeit der staatlichen Kirchengesetze betonte und die Gläubigen zur Treue gegenüber der Kirche und zum friedlichen Engagement aufrief. Die Reaktion der mexikanischen Regierung war eine erneute Verschärfung der Bedingungen. Weil die mexikanischen Bischöfe die Zivilregistrierung durch den Klerus ablehnten, ihre Priester jedoch auch vor den Strafen wegen Übertretung des Religionsgesetzes schützen wollten, suspendierten sie nach langen Beratung am 31. Juli 1926 für ganz Mexiko den öffentlichen Kultus, was der Heilige Stuhl als Protestform gegen die Religionsgesetze tolerierte. Die antikirchliche – im Lauf der Zeit antireligöse – Regierung reagierte abermals mit einer Verschärfung der Situation und verstaatlichte alle Kirchen und kirchlichen Gebäude. Zusätzlich wurden die meisten Bischöfe ausgewiesen, gefangen genommen oder bei Gesetzesübertretungen gefoltert.
Die mexikanische Kirche wurde so zu einer Katakombenkirche im Untergrund. Eine große Anzahl Priester, Ordensleute und Laien starben, oft nach schwerer Folter. Klerus und Laien – besonders die Liga Nacional Defensora de la Libertad Religiosa (LNDLR) – traten daraufhin in den passiven Widerstand und boykottierten die Staatskassen, den Handel und die religionslosen Schulen. Sie verweigerten Luxus, Genussmittel und Vergnügungen und zeigten öffentlich Trauer. Dieser öffentliche Protest der Bevölkerung schlug bald in bewaffneten Widerstand und gewaltsame Ausschreitungen um, die in einem Bürgerkrieg endeten. Das Eintreten der Cristeros genannten Widerstandskämpfer für die Belange ihrer Kirche zeigte den staatlichen Zwangs- und Verfolgungsmaßnahmen ihre Grenzen auf, forderten aber zahlreiche Todesopfer. Erst 1929 entspannte sich die Lage, als die Bischöfe am 21. Juni die Wiederaufnahme des Kults beschlossen und auf Drängen des Heiligen Stuhls ein Waffenstillstand mit der neu formierten Regierung ausgehandelt wurde. Für die Niederlegung der Waffen auf Seiten der Cristeros garantierte der Staat ihnen eine Amnestie und die Einstellung der Verfolgungsmaßnahmen, wenngleich viele antikirchliche Gesetze bis in die 1930er Jahre in Kraft blieben. In der mexikanischen Kirche kam es in der Folgezeit zu Spannungen zwischen den ehemaligen Cristeros und den Vertretern der Hierarchie, da sich erstere durch die Interventionen des Episkopats und des Vatikans verraten fühlten.
Quellen
Apostolisches Schreiben "Paterna sane" vom 2. Februar 1926, in: Acta Apostolicae Sedis 18 (1926), S. 175-179, in: www.vatican.va (Letzter Zugriff am: 25.01.2016).
Literatur
BUTLER, Matthew, The Church in "red Mexico". Michoacán Catholics and the Mexican revolution, 1920-1929, in: The Journal of ecclesiastical history 55 (2004), S. 520-541.
KÖSTER, Norbert, Katholiken unter Waffen. Der Vatikan und die Mexikanische Revolution 1923-1929, 2019 [im Druck].
SCHMITZ, Joseph, Mexiko, in: Lexikon für Theologie und Kirche 7 (1935), Sp. 149-156, hier 151-153.
VALVO, Paolo, La Santa Sede e la Cristiada (1926-1929), in: Revue d'histoire ecclésiastique 108 (2013), S. 840-875.
Empfohlene Zitierweise
Cristiada in Mexiko, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Schlagwort Nr. 207, URL: www.pacelli-edition.de/Schlagwort/207. Letzter Zugriff am: 24.09.2020.
Online seit 30.10.2012, letzte Änderung am 26.06.2019
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