Verhältnis von Kirche und Staat in der Tschechoslowakei

Nach der Unabhängigkeit der Tschechoslowakei im Jahre 1918 strebten die Regierungen auf Betreiben der sozialistischen Parteien anfangs eine volle Trennung von Kirche und Staat an. So wurde ein neues Eherecht in Kraft gesetzt, das die bestehende Notzivilehe durch die Wahlzivilehe ersetzte, die Scheidung katholischer Ehen zuließ und die Ehehindernisse der höheren Weihen und des Ordensgelübdes beseitigte. Ein Erlass des Bildungsministers Gustav Habrman (1918/19) erlaubte den Eltern, über die Teilnahme ihrer Kinder am Religionsunterricht zu entscheiden, und hob die verpflichtende Teilnahme an religiösen Übungen im Rahmen der Schule auf. Jedoch kam der Staat weiter seinen finanziellen Verpflichtungen der Kirche gegenüber nach, die er von seinem österreichisch-ungarischen Vorgänger übernommen hatte. Die Bodenreform von 1920 betraf auch den kirchlichen Grundbesitz, unter anderem die Mensalgüter des Fürstbistums Breslau. Dazu kam eine große Übertrittswelle zur 1920 von der katholischen Kirche abgespaltenen und im gleichen Jahr staatlich anerkannten Tschechoslowakischen Kirche, die sich in der Tradition der Hussiten und der Böhmischen Brüder sah. Auch die Anzahl der Konfessionslosen erhöhte sich spürbar. Im selben Jahr übergab der erste Nuntius in der Tschechoslowakei, Clemente Micara, der schon seit Sommer 1919 als päpstlicher Beauftragter bei den tschechischen und slowakischen Bischöfen in Prag weilte, dem Staatspräsidenten sein Beglaubigungsschreiben. Ihm gelang es nicht, der Regierung Einhalt zu gebieten, und wurde 1923 auf deren Wunsch abberufen. 1925 führte die Teilnahme des tschechoslowakischen Präsidenten Tomáš Garrigue Masaryk und der Mehrheit der Regierungsmitglieder an der Husfeier zur Abreise des zweiten Nuntius, Francesco Marmaggi, woraufhin die Regierung die diplomatischen Beziehungen zum Heiligen Stuhl abbrach. Nuntiatursekretär Antonio Arata blieb als Geschäftsträger zurück.
Nachdem die Beziehungen zur katholischen Kirche damit auf einem Tiefpunkt angelangt waren, kam es in der Folgezeit zu einer allmählichen Milderung der staatlichen Politik. In einem neuen Schulgesetz wurde der Religionsunterricht in beschränktem Ausmaß aufrechterhalten und konfessionelle Privatschulen wurden zugelassen. Mit dem sogenannten Kongruagesetz vom 25. Juni 1926 und dem entsprechenden Ausführungserlass vom 17. Juni 1928 übernahm der Staat die Verpflichtung, die 12 wichtigsten Kirchen mit jährlich ca. 100 Millionen Kronen zu unterstützen. Das Geld war für die Gehälter der Gesitlichen und administrative Kosten bestimmt. Im Frühjahr 1928 wurde mit Pietro Ciriaci auch wieder ein Nuntius nach Prag berufen. Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg war der Modus vivendi zwischen katholischer Kirche und tschechoslowakischem Staat vom 20. Januar 1928. Mit diesem wurden die Staats- und Diözesangrenzen angeglichen und die auswärtige Leitung der tschechoslowakischen Bistümer beseitigt. Der Modus vivendi sah auch die Mitwirkung des Staats an der Besetzung höchster kirchlicher Ämter vor, indem ihm gestattet wurde, dabei politische Bedenken geltend zu machen. Die Umsetzung des Modus vivendi war für die slowakischen Bistümer bis zum Zerfall der Tschechoslowakei 1938 noch nicht vollständig abgeschlossen. Der langjährige Streit um die Mensalgüter des Fürstbistums Breslau im ehemaligen Österreichisch-Schlesien wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg endgültig beigelegt.
Quellen
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Literatur
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Mensalgüter des Fürstbistums Breslau in Österreichisch-Schlesien; Schlagwort Nr. 13036.
Empfohlene Zitierweise
Verhältnis von Kirche und Staat in der Tschechoslowakei, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Schlagwort Nr. 248, URL: www.pacelli-edition.de/Schlagwort/248. Letzter Zugriff am: 02.02.2023.
Online seit 14.05.2013, letzte Änderung am 20.01.2020.
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